Melatonin

MELATONIN ©  – der Bote der Nacht

Das ideale Schlafmittel, Schutz vor Krebs und auch noch natürliches Verjüngungsmittel – all dies verspricht Melatonin. Was ist wirklich dran am Wunderhormon „Melatonin“? Was ist Melatonin eigentlich? Wann ist Melatonin wirklich indiziert? Und wie kann man Melatonin (legal!) bekommen?

N-Acetyl-5-Methoxytryptamin = MELATONIN – Melatonin – ein natürliches Hormon

 Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, welches u.a. für den Schlaf und die rhythmische Organisation im menschlichen Körper verantwortlich ist. Es wird aus der Aminosäure Tryptophan synthetisiert (darum kann Tryptophan auch bei Schlafstörungen helfen). Melatonin wird in der Zirbeldrüse (= Epiphyse oder Glandula pinealis) gebildet. Bei niederen Wirbeltieren stellt sie ein Lichtsinnesorgan dar (das „dritte Auge“). Beim Menschen bestehen starke Beziehungen zur Helligkeit. Melatonin wird praktisch nur bei Dunkelheit gebildet mit einem Maximum nach Mitternacht. Die Melatoninkonzentration im Blut ist in der Nacht etwa 10mal höher als tagsüber. Hierfür ist die circadiane Rhythmik (24h-Rhythmus) der Melatoninproduktion in der Zirbeldrüse verantwortlich. Mit einsetzender Dunkelheit gelangen Nervenimpulse von der Retina über verschiedene Schaltstellen im Gehirn zur Zirbeldrüse und regen diese zu einer vermehrten Melatoninsynthese und -ausschüttung ins Blut an. Im Alter lässt die Synthese des Melatonins meist etwas nach – möglicherweise erklärt dies einen Teil der Schlafstörungen im höheren Lebensalter.

Das ideale Schlafmittel

Melatonin erleichtert das Einschlafen, die Schlafdauer wird länger, die Schlaftiefe nimmt zu, der Schlaf wird als qualitativ besser empfunden und das Schlafprofil (z.B. Traumschlafphasen) wird – im Gegensatz zu anderen Schlafmitteln – nicht gestört. Es treten keine Gewöhnungseffekte auf und es wurde bisher auch keine Entwicklung einer Abhängigkeit gesehen – wiederum im Gegensatz zu anderen Schlafmitteln. All dies ist wissenschaftlich nachgewiesen. Besonders hilfreich ist Melatonin dann, wenn die Tag-Nacht-Rhythmik gestört ist. Dies kann bei Schichtarbeit oder bei Reisen über mehrere Zeitzonen hinweg der Fall sein. Vielen Menschen fällt es schwer, nachmittags um 16h (nach ihrer subjektiven Zeit) einschlafen zu müssen. Deshalb bedienen sich beispielsweise Stewardessen, die in anderen Ländern auch leicht an Melatonin „herankommen“, gern des Melatonins. Darüberhinaus ist es auch noch recht preiswert.

Melatonin, das Verjüngungsmittel?

Melatonin hat außerdem eine antioxidative Wirkung. Es schützt also biologische Strukturen vor Angriffen von freien Radikalen, besonders vor den sehr aggressiven Sauerstoff-Hydroxyl-Radikalen. Als diese Radikalfänger-Funktion des Melatonins bekannt wurde, begann eine intensive Suche danach, unter welchen Umständen Melatonin in der Lage ist, Zellen vor dem zerstörenden Einfluss solcher freier Radikale zu schützen. Die Wissenschaftler wurden fündig, wo immer sie nach derartigen Wirkungen suchten: Melatonin schützt die DNA (Erbsubstanz) von Körperzellen vor radikalinduzierter Zerstörung durch bestimmte Gifte oder ionisierende Strahlung. Melatoninbehandelte Mäuse überlebten Bestrahlungen besser als unbehandelte Mäuse. Melatonin verhindert die Ausbildung von radikalinduzierten Katarakten an der Hornhaut des Auges. Es ist in der Lage, Lipidperoxidation (Ranzigwerden von Fett) zu verhindern und schützt vor Zellschäden, die durch bakterielle Endotoxine ausgelöst wurden. Daher wird vermutet, dass Melatonin Anti-Aging-Effekte aufweist. Hierfür gibt es Hinweise, aber noch keine Beweise. Tiere, die mit Melatonin angereichertes Trinkwasser erhielten, lebten bis zu 20 % länger. Einer älteren Maus wurde die Zirbeldrüse (Produktionsstätte des Melatonins) eingepflanzt und umgekehrt. Daraufhin verlängerte sich die Lebenserwartung der älteren Maus, während die jüngere Maus mit der „älteren Zirbeldrüse“ kürzer als erwartet lebte. Aus verständlichen Gründen wurde ein solcher Versuch bisher beim Menschen noch nicht durchgeführt. Harte Beweise, dass die Lebenserwartung beim Menschen durch Melatonin erhöht wird, liegen allerdings nicht vor.

Schutz vor Krebs

Auch gibt es Hinweise, dass Melatonin vor Krebs zu schützen vermag. So haben blinde Frauen, die aufgrund ihrer Blindheit mehr Melatonin bilden, eine deutlich verminderte Brustkrebsrate. Schichtarbeitende Krankenschwestern, deren Melatoninbildung durch den ständigen Wechsel ihres Tag-Nacht-Rhythmus deutlich gestört ist, weisen hingegen mehr Krebserkrankungen auf als ihre gleichaltrigen Kolleginnen ohne Schichtarbeit. Italienische Onkologen (Krebsärzte) fanden weniger Krebsrezidive und eine verminderte Krebssterblichkeit, wenn die Krebskranken hohe Dosen Melatonin erhielten. Größere, sichere Studien liegen hierzu allerdings auch noch nicht vor.

 Wodurch entsteht ein Mangel?

Die Bildung von Melatonin wird von der Helligkeit stark gehemmt. Lassen Sie daher nachts bei Einschlafstörungen das Licht nicht brennen oder versuchen Sie nicht zu lesen. Inzwischen wurde nachgewiesen, dass auch Elektrosmog die Bildung von Melatonin negativ beeinflusst. Entfernen Sie daher alle Elektrogeräte (z. B. Radiowecker, Handy) aus Ihrem Schlafzimmer. Bei starker Schlafstörung und nachgewiesenem Melatoninmangel sollten Sie sich sogar einen Netzfreischalter einbauen lassen, der beim Ausschalten von Elektrogeräten jeglichen Stromfluss in der Leitung unterbindet. Elektrosmog wird damit vermieden, Melatonin kann besser gebildet werden. Auch die Einnahme von Schlafmitteln kann die Bildung von Melatonin behindern. Reichhaltige Mahlzeiten am späten Abend stören die Melatoninbildung, während ein Nahrungsentzug zu höheren Melatoninspiegeln führt. Deshalb sollte man nach 18 h keine schweren Mahlzeiten mehr einnehmen. Ein gelegentliches abendliches Fasten (auf neudeutsch: Dinner cancelling) kann daher auch bei Schlafstörungen mitunter sinnvoll sein.

Wie kann ein Mangel diagnostiziert werden?

Eine Blutuntersuchung auf Melatonin ist wenig hilfreich, da wir morgens nach dem Aufstehen nur geringe Spiegel haben – und wer möchte schon nachts um 2 h eine Blutabnahme über sich ergehen lassen? Die praktikabelste Messung ist die Bestimmung des Melatoningehaltes im Nachturin. Dazu sollte der Proband abends vor dem zu Bett gehen die Blase vollständig entleeren. Er sollte den Urin der gesamten Nacht in einem geeigneten Gefäß sammeln. Vor dem Aufstehen wird die Blase nochmals in das Sammelgefäß entleert. Davon wird eine Probe an ein Labor eingeschickt, welches den Melatoningehalt des Urins in Bezug auf das Kreatinin bestimmt. Dies ist ganz wichtig, um Verdünnungseffekte auszuschließen. Manche Menschen trinken ja mehr als andere, bilden darum mehr Harn und haben deshalb relativ niedrigere Melatoninkonzentrationen im Urin. Unter Berücksichtigung des Kreatiningehaltes, der die „Konzentriertheit“ des Urins angibt, kann sich so ein vermeintlicher Melatoninmangel in Luft auflösen.

Wenn ein Mangel aber wirklich nachgewiesen wird (ich finde das bei etwa jedem zweitem bis dritten Schlafgestörten), dann ist eine Melatoningabe sinnvoll und wird dem Schlafgestörten mit hoher Wahrscheinlichkeit helfen. Ich verordne dann zunächst die Gabe von 3 mg Melatonin abends kurz vor dem Schlafengehen. Wenn dies nach einigen Tagen nicht hilft, kann man auf 6 mg, später vielleicht sogar auf 9 mg Melatonin steigern. Höhere Dosen halte ich bei Schlafstörungen nicht für sinnvoll.

Ist Melatonin in Deutschland erhältlich?

Melatonin ist in Amerika ein Nahrungsergänzungsmittel. In Deutschland gilt es hingegen als Hormon, unterliegt daher dem Arzneimittelgesetz, besitzt aber keine Zulassung. Während Melatonin in Amerika also im Supermarkt frei erhältlich ist, besteht in Deutschland keine Verkehrsfähigkeit (was ich auch bedauere).

Hat Melatonin keine Nebenwirkungen?

In der Medizin heißt es: Mittel, die stark wirken, haben auch starke Nebenwirkungen. Dass dies nicht immer so sein muss, zeigt uns ja gerade die Naturheilkunde mit Homöopathie, Pflanzenheilkunde usw. Kein Mittel ist aber völlig nebenwirkungsfrei. An Nebenwirkungen sind bei Melatonin möglich:

☻Über eine Langzeiteinnahme sind keine Informationen bekannt, Nebenwirkungen sind hier nicht

sicher auszuschließen, aber unwahrscheinlich, wenn der Wert im Urin unter Therapie kontrolliert

und im Normbereich gehalten wird.

Wenn ich Melatonin verordne, kläre ich den Patienten mündlich und schriftlich besonders gut auf – allein um mich selbst rechtlich abzusichern, da bei einer Verordnung eines in Deutschland nicht zugelassenen Medikamentes allein der verordnende Arzt die volle Verantwortung trägt. Ich verpflichte außerdem den Patienten dazu, den Melatoninwert nach vier Wochen kontrollieren zu lassen. So kann ich nachweisen, ob das Melatonin im Körper „ankommt“, ob er vielleicht noch mehr benötigt oder die Dosis sogar langsam wieder reduzieren kann. Die Therapiesteuerung erfolgt nach den objektiven Befunden (Melatoninwert im Urin) und dem subjektiven Befinden (Verbesserung des Schlafes). Ich verschreibe es zurzeit nur bei Schlafstörungen und nachgewiesenem Melatoninmangel sowie bei Beschwerden durch Jet lag (Zeitumstellung bei Fernreisen).

Warum ist Melatonin in Deutschland nicht zugelassen?

Wenn Melatonin so gut wirkt, so wenige Nebenwirkungen aufweist und auch noch preiswert ist, dann stellt sich doch die Frage, warum es Melatonin in Deutschland offiziell nicht gibt. Ganz einfach: Es ist nicht zugelassen, weil bisher keine Pharmafirma die Zulassung beantragt hat. Und es wird auch kein profitorientiertes Unternehmen jemals die Zulassung beantragen. Die Kosten und der bürokratische Aufwand dafür sind mittlerweile in Deutschland unglaublich hoch. Diesem Einsatz an finanziellen und personellen Ressourcen muss eine entsprechende Gewinnerwartung gegenüberstehen, damit ein Zulassungsantrag ökonomisch Sinn macht. Da Melatonin aber keine patentierbare Substanz ist, kann bei erfolgter Zulassung jede andere Firma ein Nachahmerpräparat herstellen und preiswert vertreiben, so dass das Unternehmen, welches die Zulassung durchgesetzt hat, seine Kosten niemals wird hereinholen können. Ich behaupte: Wäre Melatonin kein Naturprodukt, sondern patentierbare „Chemie“, dann wäre es als ideales Schlafmittel längst auf dem Markt.

Gesunder, erholsamer Schlaf: Nicht jeder braucht Melatonin, aber bei einem Mangel kann es die ideale Lösung sein. 

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